Wie der Iraner Soheil Javadi in Deutschland neu anfängt – und warum er seine Heimat trotzdem nie vergisst
Hagen. Wenn Soheil Javadi von seiner neuen Heimat spricht, leuchten seine Augen. Angekommen ist er längst – nicht nur mit dem Körper, sondern vor allem mit dem Herzen.
Vor zweieinhalb Jahren ließ der heute 36-Jährige alles zurück: den Iran, seine Familie, seine Freunde, seine Arbeit. „Ich war mit der Politik im Iran nicht mehr einverstanden und habe mich bei den ‚Frau, Leben, Freiheit-Protesten engagiert. Doch meine persönliche Sicherheit war plötzlich gefährdet und deshalb bin ich nach Deutschland geflüchtet“, erzählt er. Kein leichter Schritt für den studierten Elektroingenieur. In seiner Heimatstadt Zibakenar leitete er eine eigene Firma mit zehn Mitarbeitenden. Dort blieben seine Eltern zurück, seine vertraute Welt. „Aber ich glaube, dass es einen Plan für mein Leben gibt. Und ich bin sicher: Es war richtig, nach Hagen zu gehen.“
Die ersten Monate verbringt er in einer Flüchtlingsunterkunft in Breckerfeld. Ein kleines Zimmer, sechs fremde Menschen – eine neue Realität. Doch Soheil hadert nicht. Er sucht Chancen. Und er findet sie in der Sprache: „Von Anfang an war es mir wichtig, dass ich Deutsch lerne. Ich wollte mich verständigen können, Kontakte knüpfen.“
Unterstützung bekommt er vom Caritasverband Hagen. Da er noch keine Arbeitserlaubnis hat, entscheidet sich Soheil, ehrenamtlich zu arbeiten. In der Tagespflege am Pflegeheim Haus St. Martin öffnet sich ihm eine Tür. „Ich bin Ausländer, und es ist mir wichtig zu zeigen, dass ich etwas tun möchte. Ich will arbeiten, die Sprache lernen, die Menschen kennenlernen.“ Die Mitarbeitenden aus der Tagespflege und andere Mitarbeitenden aus dem Caritasverband Hagen begleiten Soheil beim Start in seiner neuen Heimat. Von Anfang an unterstützt ihn Anja Majus, Caritas-Koordination: „Das Schicksal von Soheil hat mir gezeigt, wie schwer es ist, hier ein neues Leben aufzubauen – und wie viel Engagement, Mut und Unterstützung es dafür braucht. Ohne das starke Netzwerk aus Haupt- und Ehrenamtlichen bei der Caritas wäre das kaum möglich.“ Das Team aus dem Fachdienst für Integration und Migration stehen dem 36-Jährigen ebenfalls immer zur Seite.
Sein Engagement spricht für sich. Mit jedem Tag wächst sein Netzwerk – nicht nur im Haus St. Martin, sondern im gesamten Caritasverband. Wo immer er gebraucht wird, packt er an.
Er sei dankbar für die Unterstützung, die er durch die Menschen in Hagen erleben durfte: „Mir wurde hier so sehr geholfen. Ich möchte ein Stück zurückgeben und versuche deshalb so oft es möglich ist zu helfen und zu unterstützen.“
Mittlerweile wohnt Soheil Javadi in einer eigenen Wohnung in der Innenstadt. Außerdem hat er einen Job als Produktionshelfer im Wohnhaus St. Benedikt gefunden – einer Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung. Doch trotz des neuen Alltags hat er sich seine Wurzeln im Ehrenamt bewahrt: Jeden Dienstag, an seinem freien Tag, kehrt er in die Tagespflege zurück. „Ich habe hier inzwischen viele Freunde, und die Arbeit mit den älteren Menschen macht mir großen Spaß. Außerdem lerne ich so Stück für Stück ein bisschen mehr Deutsch.“
Auch persönlich hat sich vieles verändert: Soheil hat sich evangelisch taufen lassen. Regelmäßig besucht er die Kirche K3 in Schwelm. „Die Menschen dort haben mir ebenfalls sehr bei der Integration geholfen. Einmal im Monat besuche ich dort den Männertreff und habe mittlerweile viele Freunde dort.“
Er fährt mit dem Fahrrad durch Hagen und jubelt inzwischen sogar für die deutsche Nationalmannschaft: „Ich fühle mich hier zuhause“, sagt er. „Hagen ist meine Stadt.“ Doch bei aller Dankbarkeit bleibt auch eine Sehnsucht: „Ein Telefon kann echte Nähe niemals ersetzen. Ich vermisse meine Familie sehr und hoffe, dass meine Freundin bald nach Deutschland kommen kann.“
Sein Studienabschluss als Elektroingenieur ist inzwischen anerkannt. Jetzt hofft er, bald in seinem gelernten Beruf arbeiten zu dürfen. Ein neuer Schritt in einem Leben, das er mutig hinter sich gelassen hat – und den er in Hagen mit offenen Armen neu beginnt.
Soheils Geschichte ist eine von Abschied und Neuanfang, von Mut und Hoffnung. Vor allem aber ist sie ein Beweis: Heimat ist mehr als ein Ort. Heimat entsteht dort, wo man sich öffnet – und willkommen geheißen wird.